Macht und Moral

Macht hat derjenige, der mir glauben machen kann, meine Wünsche wären auch die seinen. Doch wie geht das? Nehmen wir die Debatte über Critical Whiteness. Da wird, um es abzukürzen, den sogenannten Weißen vorgeworfen, sich als die Normalen darzustellen. Dies sei eine Form der Unterdrückung, da sich der sogenannte Schwarze mit seiner Hautfarbe als unnormal empfindet. Anders gesagt: Meine Hautfarbe ist dein Problem. Man könnte nun argumentieren, dass Weißsein noch kein Privileg darstellt. Denn ein obdachloser Weißer ist ja nicht per se bessergestellt als ein schwarzer Multimillionär. Und der Reichtum des schwarzen Millionärs wird ja wohl auch kaum in den Vorwurf münden, dass damit die Armut des Weißen erst deutlich wird. Doch bei manchen funktioniert die Masche. Sie fangen an, sich in Schuldgefühle zu verstricken. Denn wenn man erst einmal anfängt, die Welt als Jammertal zu betrachten, in das Schwarzsein als Malus nur existiert, weil es privilegierte Weiße gibt, dann kann man nicht anders, als sich schuldig zu fühlen. Doch das allein genügt nicht, um das Bedürfnis zu erklären, die Welt mit dieser Brille zu betrachten. Es muss auch noch was rausspringen. Schuldgefühle sind schon lange mit dem Belohnungssystem verbunden. Diese besteht für woke Weiße – Personen, die sich den Schuh anziehen – darin, anderen Weißen gegenüber moralisch überlegen sein zu dürfen, weil man, im Gegensatz zu ihnen, die tiefe Ungerechtigkeit des Weißseins erkennt. Sehr schnell sitzt man mit am Richtertisch. Und da hat man dann sowohl die Deutungshoheit über das Geschehen als auch die moralische Macht über andere.  Der Wille zur Macht ist nicht unergründlich. Die Wege dazu auch nicht. Einer davon ist Critical Whiteness. Wer sich hier nicht von Schuldgefühlen überwältigen lassen will, der sollte darüber nachdenken, dass Moral und Schuld nicht einfach so da sind, sondern Herrschaftsinstrumente sind. Und genau das lehrt uns doch die Postmoderne, die allerdings zu solch verschrobenen Vorstellungen wie critical Whitness geführt hat: Zu erkennen, dass es immer auch darum geht, uns mit Geschichten zu manipulieren.  

Bild: Sarah Richter

Jeder kann jetzt Opfer sein

Das Wort Opfer hat bekanntermaßen verschiedene Bedeutungen. Da geht es um das Opfer, das einer Gottheit gebracht wird, das Tatopfer, schließlich das Opfer der Verhältnisse. So ein Opfer könnte eine Frau sein, die sich vielleicht prostituieren musste, um ihr vaterlosen Kind durchzubringen. Doch nun muss der Opferbegriff noch einmal gedacht werden. Opfer können auch Menschen sein, die zwar reich und schön sind, allerdings von einer königlichen Familie rassistisch ausgegrenzt werden. Das das überhaupt möglich ist, verdanken wir der Identitätspolitik. Denn man kann auch als privilegierter Mensch einer Gruppe angehören, die es schwer hat bei den Royals. Und wenn man großes Glück … ich meinte natürlich Pech hat, dann gehört man gleichzeitig zur Gruppe der Amerikaner. In diesem Fall ist man intersektional betroffen. Denn wie auf einer Kreuzung, US-amerikanischen Englisch „Intersection“, kann man erst von einem PKW und danach noch von einem LKW überrollte werden. So eben auch Herzogin Meghan, die in Großbritannien nicht nur wegen ihrer Hautfarbe, sondern auch wegen ihrer uramerikanischen Art (berechnend und hypokrit) keinen einfachen Stand hat, besonders aber eben als sogenannte Schwarze. Und ja, es soll auch konkrete Vorfälle gegeben haben, wenn man ihren Ausführungen glauben will. Mitglieder des königlichen Haushalts fragten, welche Hautfarbe nun ihr Kind nach der Schwangerschaft haben möge. Schlimm das! Nun ist es allerdings so, dass Meghan Markle eher nicht so aussieht, wie man sich den typischen Schwarzen vorstellt. Eher entspricht sie dem Typus von dem Umberto Eco meinte, dass er das Ergebnis der großen bevorstehenden Vermischung sein werde: Mit brauner Haut, aber nicht mehr zuzuordnen. Anders gesagt, ihr Teint könnte auch das Produkt eines Karibikurlaubs gewesen sein. Nun wird durchaus mit Gründen argumentiert, dass es sein könne, die Herzogin habe sich in Großbritannien nicht wohl gefühlt. Man denke auch nur an Prinzessin Di. Immerhin auch ein Täter-Opfer, wenn man so will. Allerdings sollte doch nicht außer Acht gelassen werden, dass ein Boxer, der einen Nasenstüber verpasst bekommen hat und darauf dem Gegner einen schweren Leberhaken verpasst, so dass dieser ins Krankenhaus muss, kaum als Opfer bezeichnet werden kann. Jedenfalls könnte man mit Fug und Recht auch meinen, dass die königliche Familie das Oper von Meghan ist. Denn wie es aussieht, sind diese nun als Rassisten in der ganzen Welt unmöglich geworden. Und damit hätten wir am Ende auch noch eine neue Opfergruppe gefunden: die Royals. Identity Policy macht´s möglich.

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