Populismus als Symptom eines politischen Paradigmenwechsels. Andreas Reckwitz im Interview [deutschlandfunk.de]

Andreas Reckwitz im Gespräch mit Wolfgang Schiller über die Krise des Liberalismus. Deutschlandfunk, 09.05.2021.

Vorweg an unsere ostdeutschen Leser: Reckwitz hat wahrscheinlich einen sehr stark westdeutsch geprägten Blick auf unsere Geschichte. Eine Beschäftigung mit seinen Theorien beantwortet jedoch mit Sicherheit einige ostdeutsche Anfragen an den Zeitgeist.

Ich habe trotzdem mal versucht das Interview in ein paar Sätzen zusammenzufassen: Reckwitz sieht die westlichen Gesellschaften vor einem Paradigmenwechsel.
In der Nachkriegeszeit herrschte nach seiner Einschätzung das Paradigma der geschlossenen korporatistischen Gesellschaft. Diese führte zu Verkrustungen bzw. Sklerosierungen, welche nach mehr Öffnungen verlangten. Reckwitz bezeichnet dieses Paradigma den „apertistischen Liberalismus“, welcher auf der kulturellen Seite den progressiven Liberalismus (sexuelle Befreiung, liberalisierte Drogenpolitik, Ehe für Alle) und auf dem Bereich der Wirtschaft den Neoliberalismus hervorbrachte.
Aufgrund starker affektiver Aufladung u.a. auch durch das Aufkommen der sozialen Medien kommt es in unserer Gegenwart zunehmend zu unlösbaren  Kulturkonflikten zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlierern. Der Neoliberalismus wird hier zunehmend in die Verantwortung genommen. Aber auch auf rein  wirtschaftlichen Gebiet löst der Neoliberalismus immer mehr Zweifel am Paradigma der Öffnung aus.
Den Rechtspopulismus sieht Reckwitz eigentlich nicht als das neue Paradigma, sondern eher als Symptom der Krise.
Seine Einschätzung, dass neomarxistische Initiativen aus dem Umfeld der US-amerikanischen Campus-Aktivismus wie „Black Life Matters“ nicht als linke Identitätspolitik, sondern irgendwie doch noch in eine demokratische Bürgerrechtsbewegung einzuordnen ist kann ich dabei leider überhaupt nicht teilen.
Jedenfalls erwartet Reckwitz als neues Paradigma den einbettenden Liberalismus, bei dem es zwar behutsame weitere Öffnungen geben wird, jedoch noch deutlicher ein starkes Anwachsen „wohlwollender“ staatlichen Regulierung von Wirtschafts- und Kulturkonflikten. Die Corona-Krise scheint da für Reckwitz schon ein Vorbote zu sein.

Fazit: Ein sehr empfehlenswertes Interview mit dem Soziologen Andreas Reckwitz in dem dieser herausarbeitet, dass wir uns zur Zeit in einer spannenden Phase des Paradigmenwechsel vom apertistischen zum einbettenden Liberalismus befinden.

https://www.deutschlandfunk.de/die-krise-des-liberalismus-populismus-als-symptom-eines.1184.de.html?dram:article_id=496970