Identitätspolitik hat keine Zukunft

Identitätspolitik, das ist die Politik, die nicht mehr den einzelnen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, sondern die Gruppe. Bei den Gruppen wird unterschieden zwischen Opfergruppen und Tätergruppen. So sind Frauen, Schwarze und Homosexuelle Menschen, die zu Opfergruppen gehören. Weiße Männer sind Täter. Viel ist dazu geschrieben worden, dass eine schwarze lesbische Millionärin, die an einer guten Uni studiert hat, kein Opfer sein kann. Dennoch lässt man sich das gefallen. Denn mit dem Opferstatus kommen Privilegien. Man bekommt im Idealfall schneller einen Job, mehr Sympathie, mehr Aufmerksamkeit der Medien und vor allem Respekt. Da ist es naheliegend, sich zum Opfer erklären zu lassen.

Während man früher meinte: Lerne leiden, ohne zu klagen, heißt es heute lerne leiden und laut darüber zu klagen. Das hat Folgen. Die Wehleidigkeit wird weiter zunehmen. Denn man kriegt schnell spitz, dass für Opfer einfach mehr drin ist. Das nennt man Rationalitätsfalle. Für den einzelnen ist es attraktiv, sich zum Opfer zu machen. Doch wenn alle Opfer sind, dann entwertet das den Opferstatus. Schlimmer noch, das Wort Opfer erlebt eine semantische Verschiebung. Opfergruppe bedeutet dann eher Interessengruppe oder Lobbygruppe.

Weil man die nicht unbegrenzte Ressource des Opferseins nicht beliebig vermehren kann, gilt es irgendwann, anderen den Status abzuerkennen. Am Ende wird man streiten, welcher Teint noch ausreicht, um als Opfer zu gelten und um als Verfolgter des „real existierenden Rassismus“ zu gelten. Ich empfehle daher, schon mal das Popcorn rauszuholen. Denn schon sehr bald wird es sehr unterhaltsam für alle, die „Täter“ sind.

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Jedem seine Geschichte!

Der Philosoph, Jean-Francois Lyotard, hat die Postmoderne so definiert: Sie sei das Ende der einen großen Erzählungen zugunsten der vielen kleinen. Was aber ist nun eine große Erzählung? Es handelt sich dabei um eine sinnstiftende Geschichte, die der Gesellschaft hilft, Gemeinsamkeit herzustellen. Dem Einzelnen hilft sie, die Welt zu bewältigen und sich zurechtzufinden. Eine der ganz großen Geschichten, von der Lyotard in diesem Zusammenhang spricht, ist die Aufklärung. Bei der geht es um Fortschritt, Befreiung und Individualisierung. Mit der Postmoderne sei nun diese Geschichte auserzählt. Wenn das so ist, dann wäre zu fragen, welche von den kleineren neuen Geschichten denn so uns passt, wenn das Buch der Aufklärung zugeschlagen ist. Wie wäre es denn mit einer Revitalisierung der guten alten Opfergeschichte? Sie geht hierzulande so: Die Deutschen werden von Migranten versklavt, für die sie jetzt schuften müssen, während diese in der sozialen Hängematte liegen. Außerdem eignen sich Migranten einfach deutsche Kultur an. So spielen sie zum Beispiel im Tatort mit, was ungefähr das Heiligste ist, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat. Einige von ihnen kleiden sich statt mit Palmenblättern mit Hugo-Boss-Anzügen. Schließlich maßen sich die Menschen mit Migrationshintergrund an, über deutsche Geschichte und Kultur zu sprechen, obwohl das eigentlich nur Deutschen zusteht. Die Opfergeschichte kommt ihnen bekannt vor? Klar, das ist die Geschichte der Identity-Policy-Aktivisten. Allerdings unter anderem Vorzeichen. Und sie ist so verführerisch, weil man als Opfer nicht nur schuldlos erscheint, sondern auch seiner tiefsitzenden Aggressivität freien Lauf lassen kann. Für mich ist diese Opfergeschichte allerdings nichts. Denn mit so einer Erzählung bekommt man nur einen schlechten Charakter. Warum? Nun, nichts ist widerlicher als rumzujammern, weil man mal als schief angesehen worden ist oder gefragt wurde, woher man kommt. Und nichts ist schlimmer, als sich dann seinem aus dem Opferstatus gespeisten Hass hinzugeben. Ich persönlich bevorzuge deshalb die Geschichte von der Skepsis. Die geht so: Jeder Geschichte hat einen blinden Fleck. Und den gilt es zu entdecken, damit man sich nicht am Ende einer Geschichte ausliefern muss. Das gilt auch für die Aufklärung. Und wie jedes Narrativ ist diese Geschichte der Skepsis nicht wahr im Sinne von true. Vielmehr hilft die Geschichte mir zurechtzukommen in einer Welt, in der es immer mehr Menschen gibt, die sich ihren Opfergeschichten hingeben und damit den wahren Opfern Hohn sprechen.

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