Jedem seine Geschichte!

Jedem seine Geschichte!

Der Philosoph, Jean-Francois Lyotard, hat die Postmoderne so definiert: Sie sei das Ende der einen großen Erzählungen zugunsten der vielen kleinen. Was aber ist nun eine große Erzählung? Es handelt sich dabei um eine sinnstiftende Geschichte, die der Gesellschaft hilft, Gemeinsamkeit herzustellen. Dem Einzelnen hilft sie, die Welt zu bewältigen und sich zurechtzufinden. Eine der ganz großen Geschichten, von der Lyotard in diesem Zusammenhang spricht, ist die Aufklärung. Bei der geht es um Fortschritt, Befreiung und Individualisierung. Mit der Postmoderne sei nun diese Geschichte auserzählt. Wenn das so ist, dann wäre zu fragen, welche von den kleineren neuen Geschichten denn so uns passt, wenn das Buch der Aufklärung zugeschlagen ist. Wie wäre es denn mit einer Revitalisierung der guten alten Opfergeschichte? Sie geht hierzulande so: Die Deutschen werden von Migranten versklavt, für die sie jetzt schuften müssen, während diese in der sozialen Hängematte liegen. Außerdem eignen sich Migranten einfach deutsche Kultur an. So spielen sie zum Beispiel im Tatort mit, was ungefähr das Heiligste ist, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat. Einige von ihnen kleiden sich statt mit Palmenblättern mit Hugo-Boss-Anzügen. Schließlich maßen sich die Menschen mit Migrationshintergrund an, über deutsche Geschichte und Kultur zu sprechen, obwohl das eigentlich nur Deutschen zusteht. Die Opfergeschichte kommt ihnen bekannt vor? Klar, das ist die Geschichte der Identity-Policy-Aktivisten. Allerdings unter anderem Vorzeichen. Und sie ist so verführerisch, weil man als Opfer nicht nur schuldlos erscheint, sondern auch seiner tiefsitzenden Aggressivität freien Lauf lassen kann. Für mich ist diese Opfergeschichte allerdings nichts. Denn mit so einer Erzählung bekommt man nur einen schlechten Charakter. Warum? Nun, nichts ist widerlicher als rumzujammern, weil man mal als schief angesehen worden ist oder gefragt wurde, woher man kommt. Und nichts ist schlimmer, als sich dann seinem aus dem Opferstatus gespeisten Hass hinzugeben. Ich persönlich bevorzuge deshalb die Geschichte von der Skepsis. Die geht so: Jeder Geschichte hat einen blinden Fleck. Und den gilt es zu entdecken, damit man sich nicht am Ende einer Geschichte ausliefern muss. Das gilt auch für die Aufklärung. Und wie jedes Narrativ ist diese Geschichte der Skepsis nicht wahr im Sinne von true. Vielmehr hilft die Geschichte mir zurechtzukommen in einer Welt, in der es immer mehr Menschen gibt, die sich ihren Opfergeschichten hingeben und damit den wahren Opfern Hohn sprechen.

Foto: Janeb 13 auf Pixabay

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