Struktureller Skandal

Ein handfester Skandal ist ein Ärgernis, welches unendlich viele Menschlein überglücklich macht, so Gert W. Heyse. Doch was macht eigentlich einen Skandal aus?  Der Skandal braucht zunächst einmal einen Hintergrund, auf dem sich der Skandal abspielt. Der Hintergrund wäre eine bestimmte Einstellung der Gesellschaft zu einem Verhalten. Frauen schlecht zu behandeln, weil sie Frauen sind, wäre jedenfalls ein Skandal, weil in unserer Gesellschaft Frauen geachtet werden. Wenn dann ein Weinstein-Fall oder ein Reichelt-Fall durch die Presse gehen, dann wird bestätigt, was man schon wusste: Die Gesellschaft ist gegen Sexismus. Dass es in bestimmten Kreisen ein Schweigekartell gibt, steht auf einem anderen Blatt.

Was solche Skandale allerdings nicht beweisen: Die Gesellschaft ist sexistisch. Denn in einer sexistischen Gesellschaft wäre es ja kein Skandal, dass ein Mann Dinge tut, die man als Skandal begreift. Die Identitätspolitik besteht allerdings darauf, dass die westliche Gesellschaft sexistisch wäre, weil man glaubt, von einem einzelnen Fall auf die Gesellschaft schliessen zur dürfen. Aber eine Gesellschaft, in der Frauen wirklich systematisch in sexistisch betrachtet werden, gibt es diese Skandale gar nicht. Dort wäre es ja normal, die Frau schlecht zu behandeln. Und genau diese Gesellschaft könnte man dann als strukurell sexistisch bezeichnen, gerade weil es dort die Skandale nicht gäbe.  

Skandale sind also nicht schlecht. Im Gegenteil. Sie sind vermutlich notwendig, um an die allgemeinen Standards zu erinnern, wobei man natürlich auch mal fragen sollte, wer der Skandal-Gatekeeper ist. Aber sie sind jedenfalls nicht Ausdruck des strukturellen Sexismus, wie behauptet wird, sondern Ausdruck dessen, dass es eben keinen systematischen Sexismus gibt. Und so ist es ja wohl klar, dass in einer rassistischen Sklavenhaltergesellschaft ein Mord an einem Schwarzen durch einen Polizisten kein Skandal gewesen wäre. Auch das kann er nur in einer Gesellschaft sein, die nicht strukturell rassistisch ist, in der es allerdings rassistisches Verhalten im Einzelfall geben kann. Ich weiss schon, dass ID-Fans das nicht so sehen koennen. Immerhin würde ihnen sonst das Geschäftsmodell wegbrechen. Darum werden sie weiterhin Skandale als Beweis für ihre Weltsicht interpretieren müssen und entsprechend viele produzieren.

Christian Kümpel

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Wen befällt die Identitätspolitik?

Bestimmte Keime sind höchst ansteckend, wie wir jetzt wissen. Doch ist der eine mehr und der andere weniger gefährdet. Woher kommt das? Fragen wir mal versuchsweise, welche Voraussetzungen man haben muss, um schneller dem Virus der Identitätspolitik zu erliegen.

Zur Risikogruppe gehörten sicher zunächst einmal die Besserwisser. Befallene tadeln ständig und wollen zwanghaft anderen Bescheid geben. Gerne auch ungefragt. Und in der Tat hört man von den Identitätspolitkern ständig Kritik, allerdings wenig Skepsis, was die eigenen Thesen betrifft. Besserwisser müssen deshalb besonders aufpassen, wenn sie es mit Identitätspolitik zu tun haben, denn der Keim liebt diesen Wirt.

Aber auch die Selbstgerechten sind bedroht. Selbstgerechtigkeit besteht darin, anderen Boshaftigkeit zu unterstellen, während man sich selbst für einen Engel hält. Identitätspolitik ist gerade für den Selbstgerechten sehr gefährlich. Denn Selbstgerechte brechen heute wie besessen den Stab über Vergangenheit und Gegenwart, ohne noch erkennen zu können, dass man Maßstäbe anlegt, die auch nur ein historisches Produkt sind. Man wird dadurch also in gewisser Weise blind für seine eigene Bedingtheit und fängt an, auch Menschen, die einem nahestehen, mit den Symptomen schwer zu belasten.

Eng verwandt mit diesem Typus ist der Größenwahnsinnige. Er hält sich für Ankläger und Richter, die in einer Person zusammenfallen, indem er die Gesellschaft als strukturell rassistisch bezeichnet und gleich darauf als hoffnungslosen Fall verurteilt. Er tut dies vermutlich auch, um nicht selbst verurteilt zu werden, frei nach dem Motto: Wer richtet, kann nicht gerichtet werden. Auch für ihn gilt es, besonders vorsichtig zu sein. Denn der Großenwahnsinnige sitzt in der Petrischale, in der der Keim hervorragend gedeiht. In ganz schlimmen Fällen fängt man an, sich für eine Art Weltenrichter zu halten.

Personen, die ihre Überempfindlichkeit kultivieren, müssen ebenfalls aufpassen. Sie sehen in allen Äußerungen den möglichen seelischen Schaden, der angerichtet wird, besonders bei ihnen selbst, statt sich mal zu fragen, warum sie so empfindlich sind. Schlimmer noch, sie wollen die Redefreiheit einschränken, um ja nicht mal belastet zu werden. Und natürlich entscheiden nur sie allein, was belastend sein könnte. Das sie andere mit ihrer Überempfindlichkeit anstrengen, kommt ihnen nicht in den Sinn, denn sie drehen sich nur um sich selbst.

Und was ist mit dem Ohnmächtigen? Der Ohnmächtige hat normalerweise nicht viel zu melden. Aber wenn er andere als Rassisten, Sexisten oder Faschisten denunzieren kann, dann tut er das, um an der Macht teilzuhaben. Das schöne Gefühl, klügere und mächtigere vorzuführen, das ist ihm ständige Versuchung. Die Identitätspolitik bietet ihm da viele Anlässe.

Nicht vergessen sollte man auch den Opportunisten, der nicht anders kann, als sich immer an der Macht zu orientieren. Viele machen sich die Forderungen der Identitätspolitik zu eigen, weil sie denken, dass die Verhältnisse nun man so sind, zum Beispiel an der Universität. Da schwimmt man dann mit dem Strom. Manchmal solange, bis man fälschlicherweise glaubt, selbst die Richtung bestimmen zu können. 

Natürlich sind die Ursachen für Identitätspolitik vielgestaltig. Aber ID muss auf charakterlich geeignete Menschen treffen, um seine volle Wirkung zu entfalten. Diejenigen, die skeptisch sind, auch sich selbst gegenüber, gehören sicher nicht zu den typischen Opfern der ID-Pandemie. Sie genießen eine gewisse Immunität. Dass es, wie behauptet wird, demnächst einen Impfstoff gegen ID geben soll, ist nicht wahr. Doch jeder, der sich kritisch mit Ideen, auch denjenigen, die ihn befallen haben, auseinandersetzt, hat eine gute Chance auf Immunität. Ich wünsche weiterhin gute Gesundheit.  

Christian Kümpel

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Warum reagiere ich so trotzig?

Was will es mir denn, wenn jemand meint, die Gesellschaft sei strukturell rassistisch? Da könnte ich doch mit den Achseln zucken. Auf einer sachlichen Ebene würde ich sogar entgegnen, dass solche Behauptungen so gehaltvoll sind wie die Ansicht, Deutschland wäre von Aliens unterwandert. Man kann immer Hinweise finden für alles Mögliche, für jede auch noch so abwegige Theorie, wenn man nur will, indem man bestimmte Ereignisse überbetont und verzerrt. Anders gesagt: Merkwürdige Behauptungen sollten als solche bezeichnet und zurückgewiesen werden.

Doch da ist natürlich auf der Gefühlsebene, auch die Wut, weil hier eine Ungerechtigkeit begangen wird. Deutschland und die Deutschen leben mit vielen Migranten in einem Land, das sich seit 1945 vollkommen verändert hat. Im Großen und Ganzen kommt man gut miteinander aus. Dabei mag es durchaus sein, dass es Rassismus gibt. Aber strukturell? Viele Migranten bekommen Chancen, die sie in ihrem Heimatland niemals hätten bekommen können. Dennoch heißt es: Sie alle seien Opfer des strukturellen Rassismus in Deutschland. Das ist nicht nur Unsinn, das ist auch unfair.

Und dann ist man auch schon beim Thema Frustration. Immerhin hat man sich in diesem Land doch bemüht, indem man das Thema Rassismus in all seinen Schattierungen aufgegriffen hat, indem man in der Schule und an den anderen Lehranstalten immer wieder die Gleichheit der Menschen und den Humanismus als gesellschaftliches Ziel nicht nur proklamiert, sondern auch gelebt hat. Doch die Identitätspolitiker sagen mir – aus Gründen die natürlich zu hinterfragen wären – alles zu wenig und ungenügend. Und vor allem eben: Alles strukturell rassistisch verseucht. Im Grunde ist Deutschland also ein hoffnungsloser Fall. Na wenn das so ist…  

Da regiere ich dann mit Trotz, mit dem Gefühl, dass es vergeblich ist, zu erklären und zu verstehen. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Ich bleibe bei meiner Position und verzichte auf weiteres Zuhören. Laut Wikipedia ist der Trotz empfindende Mensch jemand, der sich in einem Zustand des inneren Widerstandes gegen die soziale Umwelt befindet. Da sagt man sich: Wenn sie ihn haben wollen, dann bekommen sie ihn, den widerständigen Trotz! Und dann verschließt man die Ohren und Augen.

Das heroische Gefühl, Widerstand zu leisten, und sich keine Meinung aufdrücken zu lassen. Einfach unbezahlbar. Allerdings sollte man auch nicht übertreiben. Aus Trotz nun das Phänomen Rassismus zu leugnen, das hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Und man liefe geradezu in die Falle, die die realitätsblinden Identitätspolitiker stellen. Die bestünde darin, die Wirklichkeit selbst auch nicht mehr wahrnehmen zu können, aus Trotz. So ließe man sich eben die Weltsicht am Ende doch von den Identitätspolitikern aufdrücken, wenn auch invers.

Es wäre dann, anders gesagt, eben doch so, dass die Identitätspolitiker mit ihrer Polemik die Welt herstellen, die sie vorgeben zu bekämpfen, indem sie Trotz hervorrufen, der die Dinge verzerrt. Denn im Trotz fühlt und sagt man vielleicht Dinge, die fern von dem ist, was man fühlen und sagen würde, wenn man etwas ruhiger wäre. Wir alle müssen hier ein bisschen aufpassen, dass wir nicht in diese Falle der Identitätspolitiker gehen. Denn vermutlich wollen sie uns genau da haben.

Christian Kümpel

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Gesinnung

Andreas Dorschel, Philosoph, hat in der Januarausgabe des Merkur ein sehr lesenswertes Essay zum Thema Gesinnung geschrieben. Er stellt dabei zunächst fest, dass man im Wahlkampf zum Studentenparlament keine Ziele mehr verkündet, sondern Gesinnung ausstellt. „Wählt uns, dann wir sind die Guten!“ Diese Ausstellung von Gesinnung sei nicht belangbar, denn für seine Gesinnung kann man nicht. Sie ist einfach da. Am besten als antifaschistische und antirassistische Haltung. Gesinnung suggeriert, dass, wenn alle sie teilen, alles gut werde. Wer einmal die Gesinnung hat, der sinnt nicht mehr. So erlaubt sie antiintellektuelles Intellektuellentum. Dabei fällt auf, dass man seine Gesinnung gerne mit der Vorsilbe „anti“ schmückt. Antisexistisch, antiheteronormativ, allerdings auch klimagerecht.

Nun wird niemand von sich behaupten sexistisch und rassistisch zu sein. Vielmehr wird auch derjenige, der es ist, das Gegenteil behaupten. Das kennt man ja aus der Vergangenheit, als die Puritaner ihre Gesinnung zeigten, aber nicht immer danach lebten. Als Voraussetzung braucht die Gesinnung die Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Doch in die Gesinnungsgemeinschaft schleicht sich etwas ein. Gesinnung, so möchte man ergänzen, ist der große Bruder der kleinen Schwester Heuchelei, die sich dazugesellt und für Unruhe sorgt. Dann in der Gemeinschaft der Gesinnten macht sich schnell der Verdacht breit. Schließlich kann man sich nie sicher sein, ob der andere seine Gesinnung nur vortäuscht, um Vorteile zu erlangen. Um jeden Verdacht zu zerstreuen braucht es deshalb die Gesinnungshuberei.

Doch wehe, wenn man was schiefgeht. Wenn man im Verhalten der edlen Gesinnung nicht immer entspricht, droht Reputationsverlust. Die Kosten der Gesinnung sind also nicht zu unterschätzen: Unfreiheit, Angst und Lüge. Als Voraussetzung für die Gesinnung braucht man außerdem eine gewisse Form von Bildung. Immerhin kennt nicht jeder das Wort heteronormativ. Auch muss man sich die Gesinnung leisten können, zum Beispiel durch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Dafür bekommt man im Falle einer Übernahme von Gesinnung das wohlige Gefühl, zu den Guten zu gehören.

Die Pointe nach Dorschel ist jedoch, dass Gesinnung nicht auf Gesinnungslosigkeit trifft, auch wenn das die Gesinnten gerne so hätten. Oft trifft man nur auf andere Gesinnungen, die man jedoch ablehnt. Das wahre Gegenteil von Gesinnung wäre jedoch laut Dorschel Sachlichkeit. Doch Sachlichkeit ist – so möchte ich den Text interpretieren – in einer Ich-bezogenen Gesellschaft, die Gesinnung zur Ich-Erweiterung braucht – kaum angesagt. Denn Sachlichkeit sieht vom Ich ab. Frei von Gesinnungen kann nur sein, wer über sie nachdenkt. Zumindest kann man sie sich ein wenig vom Leibe halten. Dorschel tut es auf vortreffliche Weise.

Christian Kümpel

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Macht und Methode

Wahrgenommen werden als der, der man ist… Man könnte da einwenden: Man ist nie ganz der, der man ist. Und man hat auch kein Recht darauf, zu bestimmen, wie man wahrgenommen wird. Aber folgen wir der Logik der Identitätspolitik. Wenn da ein Schwarzer steht oder geht, dann soll er in erster Linie als Schwarzer erkannt, respektiert und geachtet werden. Weil er eben ein Schwarzer ist. Dabei sei auch seine Kultur zu berücksichtigen. Was immer die im Einzelfall sein mag. Einerseits. Andererseits ist es irgendwie aber auch ganz falsch, den Schwarzen auf irgendeine Kultur festzulegen und seine Hautfarbe zu thematisieren. Da irgendwelche Bemerkungen zu machen wie: ich nehme mit Respekt ihre Hautfarbe zur Kenntnis und möchte an dieser Stelle meine Bewunderung für schwarzafrikanische Tänze zu Ausdruck bringen, können schwer ins Auge gehen. Immerhin spielen Hautfarbe und Kultur keine Rolle, irgendwie. Aber irgendwie dann wieder dann doch. Man könnte es auch so formulieren: Beachte das Schwarzsein und seine kulturellen Konnotationen immer, aber nimm es niemals wahr. Da kann man dann in der Tat sehr viel falsch machen.

Diese Botschaft erinnert dann doch sehr an die sogenannte Doppelbindung in der Psychologie. Eine Definition von Doppelbindung ist, dass man den Erwartungen des Senders nicht gerecht werden kann, weil widersprüchliche Signale gesendet werden. Dazu gehört auch, dass man, egal wie man sich verhält, bestraft wird. So wird man sowohl für das Nichtbeachten als auch für das Beachten sanktioniert, natürlich nur in Form einer moralischen Verurteilung. Zumindest noch. Schließlich gehört zur Doppelbindung, dass man nicht darauf hinweisen darf, dass man nicht etwas gleichzeitig beachten und nicht beachten kann. So kann man gleichzeitig zwei Ideen vortragen, die sich gegenseitig ausschließen, und Macht ausüben.

Aber wie? Was macht das eigentlich mit uns, wenn wir uns in so einem Dilemma befinden? Man ist meist wütend und gestresst. Doch irgendwann fängt man an, sich anzupassen. Man achtet ganz genau darauf, dass man nichts Falsches sagt. Man will eben kommunikative Probleme vermeiden. Und dann hat es eben das Dilemma seinen Sinn erfüllt. Das funktioniert auch bei der Identitätspolitik und ihren vermeindlichen Widersprüchen. Wie gut, sieht man daran, dass sich immer mehr vorsichtig verhalten, statt die kommunikativen Methoden der Identitätspolitik zu analysieren und in Frage zu stellen. Da hilft nur, einen Schritt zurückzugehen und die Dinge von außen zu betrachten. Ein guter Vorsatz für das Jahr 2022.

Christian Kümpel

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Kollateralschaden

Wieder einmal wurde in der Welt und in der FAZ thematisiert, dass es in Berlin in wachsendem Maße religiöse Konflikte gibt. Der Verein für Demokratie und Vielfalt hat jüngst eine entsprechende Umfrage dazu durchgeführt. Demnach sorgen strenggläubige Muslime dafür, dass in bestimmten Bezirken der Ramadan beachtet werden muss, Kopftuch getragen und weiblichen Lehrkräften nicht der gebotene Respekt erwiesen wird. Thomas Thiel schreibt in dem entsprechenden Artikel auch, dass Islamisten durch entsprechende Medienkanäle dafür sorgten, dass Schüler mit muslimischem Hintergrund in einer Art KZ in Deutschland leben müssten, was teilweise wohl geglaubt wird. 

Der Autor beklagt in seinem Artikel, dass sowohl Linke als auch Grüne entweder das Thema beschweigen oder als islamfeindlich einordnen. In der Tat hört sich das widersprüchlich an. Immerhin ist die Linke die Partei der Religionskritik. Wie kann das also sein, dass man sich auf die Seite der Islamisten schlägt? Die Erklärung liegt in der Identitätspolitik. Sie teilt die Menschheit in Opfer und Täter ein. Täter sind alte weiße Männer. Homosexuelle oder Schwarze sind Opfer. Und Muslime sind für Linke und Linksliberale ebenfalls Verfolgte.

Da ist man sich also mit den Fundamentalisten einig, die ja auch eine Diskriminierung der Muslime in Deutschland behaupten. Weil die Linken und Linksliberalen durch die Identitätspolitik in gewisser Weise umprogrammiert worden sind, können sie gar nicht erkennen, dass Fundamentalisten ihre Gegner sind, die die Werte der Aufklärung mit Füßen treten, Werte die die Linken und Linksliberalen angeblich vertreten. Schon gar nicht können sie deshalb den muslimischen Kindern helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dass frei ist von religiöser Unterdrückung. Im Gegenteil werden sie im Zweifelsfall Fundamentalisten und ihre Politik sogar verteidigen. Für moderate Muslime eine schlechte Nachricht. Denn von denjenigen, die sich für fortschrittlich halten, ist keine Hilfe zu erwarten. Dies sind eben die Folgen der Identitätspolitik, die vermeintlich Gutes will, leider auf Kosten der sogenannten Opfer. 

Christian Kümpel

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Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung

Paul Watzlawick meinte, dass es zwei Wirklichkeiten gebe, in meinen Worten eine Wirklichkeit erster Ordnung und eine Wirklichkeit zweiter Ordung. Die wirkliche Wirklichkeit erster Ordnung gehorcht naturwissenschaftlichen Gesetzen. Ein Beispiel aus der Biologie: Säugetiere verfügen über Gameten (Keimzellen). Je nachdem, ob es eine weibliche oder männliche Gamete ist, die produziert wird, handelt es sich um ein Weibchen oder ein Männchen, das es produziert. Natürlich könnte es sein, dass man irgendwann eine dritte Gametensorte findet. Dann hätte man in der Tat das dritte Geschlecht gefunden. Bis jetzt sucht man jedoch vergebens. Weil nun Menschen Säugetiere sind, gilt das Prinzip auch für uns bis auf Weiteres.

Von dieser wirklichen Wirklichkeit abgeschieden ist die gemachte Wirklichkeit zweiter Ordnung. So wird in dieser gemachten Wirklichkeit behauptet, es gäbe viele Geschlechter. Welchem Geschlecht man angehört, das hängt weniger von naturwissenschaftlichen, mehr von der gemachten Wirklichkeit ab. Das ist ein weites Feld. Auf dem Feld findet man auch den Pansexuellen. Pansexuelle werden laut Wikipedia von allem erregt, sei es weiblich, männlich oder etwas anderes. Das mag so sein. Allerdings wäre ein Pansexuelle immer noch entweder ein Mann oder eine Frau. Dass sich Pansexuelle oder Transsexuelle allerdings nicht als Männer oder Frauen sehen, ist ihre gemachte Wirklichkeit. Dass sie diese so konstruieren, wie sie sie konstruieren, dafür gibt es Gründe. Allerdings keine naturwissenschaftlichen.

Allerdings, dass Menschen die wirkliche Wirklichkeit leugnen, um in einer gemachten Wirklichkeit zu leben, ist ein höchst menschliches Verhalten. Es gibt dafür verschiedene Worte: Wahn, wenn man es nicht besser weiß, Lüge, wenn man ahnt, dass es nicht stimmt. Oft ist es aber einfach der gesellschaftliche Konsens. Der wird zur Wirklichkeit zweiter Ordnung, wenn genug Leute in ihm leben, ohne ihn in Frage zu stellen. So wäre ein Pansexueller vor 100 Jahren wohl noch als krank eingestuft worden. Heute sind viele tatsächlich überzeugt, dass Pansexuelle einem anderen dritten, vierten oder fünften Geschlecht angehören.

Gesellschaften und einzelne Mitglieder dieser konstruieren schon immer Wirklichkeiten zweiter Ordnung, die manchmal jede Verbindung zu der Wirklichkeit erster Ordnung verloren haben. Und wie jeder Wahn oder jede Wirklichkeit zweiter Ordnung, schaffen sie Mechanismen, um sich vor der Wirklichkeit erster Ordnung zu schützen, zum Beispiel indem man moralisiert. Wer das nicht glaubt, der soll einmal in einer Universität vor Studenten der FU erklären, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Er wird schnell erkennen, dass der Wahn auch kluge Menschen befallen kann und aggressiv macht im Sinne von moralischer Empörung, wenn der Wahn als solcher benannt wird. Und er wird erkennen, was Ernst Jünger einmal angesichts eines fanatisierten Nazis meinte: Verrückten zu widersprechen ist sinnlos und bringt einen nur unnötig in Gefahr. Manchmal muss man dann eben darauf vertrauen, dass der Wahn niemals ewig dauern kann, weil er irgendwann von einem anderen Wahn abgelöst werden wird. Das passiert spätestens dann, wenn der die Kosten des Wahns oder der Wirklichkeit zweiter Ordnung zu groß werden.

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Wir wracken alles ab

Wenn die Familie als Institution dich stört, dann solltest Du den Familienbegriff solange aufweichen, bis nichts mehr übrigbleibt, zum Beispiel mit einer Verantwortungsgemeinschaft als Alternative. Falls dich die Gesellschaft als Ganzes bedrückt, dann solltest Du diese solange moralisch in Frage stellen, bis jeder glaubt: Diese Gesellschaft ist ungerecht, rassistisch und sexistisch. Damit fängt man am besten im Kindergarten an. Und solltest du der Meinung sein, dass die Menschen in einem Land übel sind, dann erkläre sie zum Problem. Vielleicht kann man sie durch Einwanderer erstetzen. Dabei geht es natürlich nicht darum, was tatsächlich ist. Es geht darum, das Alte aufzulösen, damit man es abwracken, um für etwas Neues, Besseres Platz zu machen.

Tatsächlich gehört es seit allen Zeiten das Delegitimieren zur Technik derjenigen, die das Alte verabschieden und das Neue herbeiführen wollten. So haben ja die bürgerlichen Kräfte durchaus die Adligen Vorstellungen subversiv unterwandert, indem sie in Literatur und Theater die adlige Welt problematisierten. Erinnert sei auch an die Delegitimierungsstrategien der Nazis in der Weimarer Republik. Und was ist mit den Kommunisten und ihren Einflüsterern?

Allerdings müssen die Menschen auch irgendwie dazu gebracht werden, zu glauben, ihre alte Welt sei von grundsätzlichem Übel. und das, was kommt, wäre viel besser. Normalerweise sollte man da skeptisch sein. Aber die einen tun am Ende mit, weil sie tatsächlich denken, sie lebten in einer unerträglichen Welt. Die anderen helfen beim Abwracken, weil sie Mitläufer sind. Sie spüren zum Beispiel, dass es weniger soziale Kosten verursacht, zu gendern, auch wenn sie nicht unbedingt Fans sind. Damit legitimieren sie wiederum diese vollkommen absurde Form sich auszudrücken und delegitimieren normales Deutsch. Die meisten kümmern sich nicht drum, bis es zu spät ist, bis sie gendern müssen und die Ehe aufgehört hat, zu existieren. Immerhin hat nicht jeder Zeit und Lust, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Günstig für die Abwracker.

Vergessen wir nicht, dass der Vater der Identitätspolitik, Michel Foucault, das Wort subversiv sozusagen subversiv verwandelt hat. Es bekam nun den positiven Klang des Revolutionären. Und so untergräbt man auch mit seinem Segen munter alles, was man so vorfindet. Wohin uns das alles führen wird? Jedenfalls weit weg von dem, was war. Und ich habe keinen Zweifel, dass irgendwann auch das, was nun entsteht, in der Kritik stehen wird. Denn das ist ja der Kern unserer modernen und postmodernen Gesellschaften: Wir delegitimieren das Alte, weil das Neue so viel besser zu sein verspricht. Allerdings hat es seine Versprechungen bis jetzt nicht immer gehalten. Im Gegenteil. Das vergessen wir bloß leider immer wieder. Warum nur?

Christian Kümpel

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Und wenn wir alle Opfer wären?

Die Gesellschaft kann, wenn man nur will, als Ansammlung von Opfergruppen aufgefasst werden. Schwarze, Frauen, Behinderte… die Gruppen sind ohne Zahl. Doch sind wirklich alle Opfer? Wir kennen den Einwand. So wären reiche, schwarze Frauen eher keine Opfer. Aber vielleicht ist das falsch gedacht. Warum sollen nicht auch erfolgreiche Menschen Opfer sein? Immerhin hat sich vielleicht schon jemand hinter ihrem Rücken über die Dame lustig gemacht, über ihre Hautfarbe und ihren schlechten Geschmack in Kleidungsfragen. Die Frage wäre also geklärt. Opfer kann in der Tat jeder sein.

Wenn aber jedermann Opfer sein kann, dann allerdings auch der berüchtigte alte, weiße Mann. Und er ist schon deshalb Opfer, weil er ja ständig als Täter stigmatisiert wird. So wie in alten US Kriegsfilmen immer der Deutsche der Böse war, so ist eben heute immer der alte, weiße Mann der Dauer-Übeltäter. Und dass die Darstellung der Deutschen in Kriegsfilmen aus den 60iger Jahren diskriminierend war, ist wohl evident. Schlimm, wie dumm sich 1000 Wehrmachtssoldaten anstellten, wenn zwei GIs erst mal in Fahrt kamen. Da hatten sie keine Chance, selbst wenn sie über Panzer verfügten und die US-amerikanische Soldaten nur über ein Kartoffelmesser, bestenfalls. Den deutschen Soldaten so darzustellen, das war natürlich lächerlich. Ich fand´s eigentlich trotzdem nicht schlimm. Aber das waren ja auch andere Zeiten. Da war man nicht so empfindlich. Und heute?

Heute müssen wir neu denken, und zwar im Lichte der Identitätspolitik! Und das heißt konkret: Wenn sich der alte, weiße Mann als Opfer fühlt, dann ist eins. Und zwar ein so großes wie die anderen auch. Oder gibt es etwas irgendwelche Opferherarchien? Insofern können wir uns einreihen, bei den andern Opfer-Gruppen. Und dürfen dabei auch ein wenig stolz sein. Denn es ist etwas besonders ein Opfer zu sein.

Christian Kümpel

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Ich bin Opfer, also bin ich

Was haben einige Farbige und Donald Trump gemeinsam? Sie sind Opfer. Ständig jammern sie herum, wie schlecht sie behandelt werden. Und sie sind nicht die einzigen. Da gibt es noch die Transsexuellen, die Homosexuellen, die Harz-4-Empfänger und die AfD-Anhänger. Und was ist mit den Geimpften? Sind sie nicht auch Opfer? Irgendwie sind wir also alle viktimisiert. Und was folgt daraus? Sicher zweierlei. Wenn alle Opfer sind, dann muss man sich schon ein bisschen mehr anstrengen, wenn man als Opfer noch wahrgenommen werden will. Da helfen extreme Ansichten und Maßnahmen. Deshalb wohl die Dauerhysterie und die Identitätspolitik von links und rechts. Und dann muss man natürlich den anderen den Opferstatus absprechen. Das bekommen nun auch die Feministen zu spüren. Das es jedenfalls eine klare Opfer-Wertehierarchie gibt, dachte wohl auch Tschechow, der meinte: Vergiss nicht, dass es besser ist, Opfer zu sein als Henker. So kann man aber eigentlich nur reden, wenn man nicht wirklich geköpft wird.

Man könnte nun darüber spekulieren, warum es so attraktiv geworden ist, Opfer zu sein. Ich persönlich vermute, das fing mit Jesus an. Großes Opfer, große Belohnung. So sitzt er nun zur rechten Gottes. Aber auch in nicht-christlichen Kulturkreisen geriert man sich gerne als Victim. Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein Opfer zu sein, das schafft Identität im Sinne von Einmaligkeit. Ich leide also bin ich. Dann bekommt man auch noch Aufmerksamkeit. Das ist die eigentliche Währung in einer Gesellschaft der Aufmerksamkeitsökonomie. Schließlich erhält man auf subtile Art und Weise Macht über andere, wirkt grundsätzlich unschuldig und gelangt auch zu moralischer Überlegenheit, die einem der Opferstatus zukommen lässt. Man wird Opfer und Richter in einem. Unsere postheroische Gesellschaft scheint das Opfersein so geradezu zu befördern. Vielleicht auch, weil man doch vom Tätervolk herkommt, das überwunden werden muss. Aber vielleicht ist es einfach auch nur eine zwangsläufige Entwicklung der Spätkultur. Vom kulturlosen Rüpel zum rüpelhaften Sensibelchen.

Erstaunlich wie anders da noch vor zwei, drei Generationen unsere Vorfahren waren. Ich denke da nur an Arnold Gehlen oder Ernst Jünger. Das waren gepanzerte Persönlichkeiten, die bis ins Mark das Kühle und Distanzierte pflegten. Sie personifizierten die Verhaltenslehre der Kälte. Man hätte sich verbeten, Opfer zu sein. Ob extreme Härte gegen sich selbst immer gut ist? Vermutlich nicht. Doch wie das immer so ist: Man überwindet das eine nicht ohne das Kosten anfallen. Man hat sicher das Männliche, Harte und Unbarmherzige hinter sich gelassen. Doch vor uns steht nun der Jammerlappen als Schwundstufe der Kultur, der zwischen Wut und Selbstmitleid hin und her schwingt und sich als Daueropfer geriert, der seinen Safe Space braucht. Die Identitätspolitik ist dabei nur die passende Ideologie für einen neuen Typus Mensch: der Pseudologe. Gehört ihm die Zukunft? Mit Sicherheit nicht. Die Sehnsucht nach dem Männlichen wird vermutlich wieder stärker. Und dann wird der Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen. Wann es soweit sein wird, vermag ich nicht zu sagen. Aber irgendwann wird man der vielen Opfer überdrüssig. Und dann könnte es bitter werden.

Christian Kümpel

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