Freiheit, die ins Nirgendwo führt

Der Freiheitsbegriff ist komplex. Doch kann man Freiheit im Wesentlichen so definieren: Freiheit heißt, der Mensch kann tun, was er will. Da schließt sich allerdings eine Frage an: Jeder kann tun, was er will. Aber kann jeder wollen, was er will? Schopenhauer hat darauf schon vor 200 Jahren hingewiesen, dass wir Kräften ausgesetzt sind, die unser Handeln bestimmen, ohne dass wir von ihnen Kenntnisse haben.  Diese Kräfte liegen in tiefen Schichten, die uns nicht wirklich zugänglich sind. Vermutlich sind wir deshalb nicht in dem absoluten Sinne frei, wie sich das manche vorstellen.

Und dann gilt es, auch noch folgenden Punkt zu beantworten: Wohin führte eine Freiheitsentwicklung, die immer neue Freiheiten einfordert? Wenn man sich anschaut, woher die Freiheit kommt, dann war es ein langer Weg zu der Freiheit, die wir heute genießen. Zunächst einmal lebten die Menschen in Gesellschaften, die politisch oppressiv waren. Aber auch das gesellschaftliche Klima ließ wenig Spielraum für individuelle Freiheit. Der Liberalismus hat das überwunden. Menschen dürfen ihre Meinung sagen und sie lösten sich von ihren Milieus. Das hatte auch seinen Preis. Viele Menschen fühlten und fühlen sich verloren.

Dann ging es darum Handlungsfreiheit für alle zu ermöglichen. Denn man erkannte, dass Freiheit auch materielle Voraussetzungen hat. Anders gesagt: Ohne Geld ist der Mensch nicht frei. Der Sozialstaat hat dafür gesorgt, dass die Menschen nicht in Freiheit verhungern müssen. Doch auch der Sozialstaat hat seinem Preis, denn er macht Menschen abhängig.

Nun ist man im Begriff, noch einen Schritt weiter zu gehen. Es genügt nicht mehr, von Milieus und Armut befreit zu sein. Man will auch von den eigenen biologischen Voraussetzungen befreit sein. Die Identitätspolitik geht deshalb den letzten Schritt: Freiheit von den geschlechtlichen Bestimmungen. Kurioserweise sperrt die Identitätspolitik uns aber wieder in Milieus und Gruppen ein und reduziert Freiheit. Es ist wohl immer so, dass Freiheit immer auch Unfreiheit mit sich bringt. Doch lassen wir diesen Aspekt einmal außen vor. Konzentrieren wir uns auf die freie Geschlechterwahl. Da wird so getan, als ob man sich vollkommen von den Gegenheiten lösen könnte.

Doch wenn man sich sein Geschlecht frei wählen kann, warum nicht auch seine Hautfarbe? Immerhin kann man ja auch behaupten, schwarz wäre das neue Weiß. Und warum könnte man nicht entscheiden, morgen ein Baum zu sein, wenn man sich so fühlt? Immerhin haben wir mit Bäumen viele Genome gemein. Wer kann eigentlich noch entscheiden, was Freiheit ist, was Wahnsinn, wenn alles ins Subjektive verlegt wird?

Mich erinnert die Entwicklung an die Geschichte vom Fischer und seiner Frau. Die wollte immer mehr. Zuerst waren ihre Wünsche nachvollziehbar. Dann wurde man unverschämmt. Schließlich größenwahnsinnig. Am Ende saßen sie beide wieder in dem Topf, aus dem sie dank des Fisches herauskamen. Und ich fürchte, genau so wird es uns mit der Freiheit gehen. Wenn man absolute Freiheit will, wenn man gottgleich sein möchte, dann wird man alles verlieren. Hoffentlich erkennt man das, bevor es zu spät ist.

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Nazi-Vergleiche gehen doch

Dieter Hallervorden hat jüngst Gendern mit der Sprache des Dritten Reichs und der Kommunisten verglichen. Das ist dem Tagesspiegel sauer aufgestoßen. Dort hieß es wörtlich: „Denn er war sich nicht einmal zu schade, den Vergleich zu ziehen, auch „Nazis“ und „Kommunisten“ hätten die Sprache „von oben herab auf Befehl“ zu entwickeln versucht.“

Natürlich darf man Hallervorden vorwerfen, dass er Gendern mit der Sprachpolitik des Dritten Reichs und der Kommunisten vergleicht. Aber es bleibt ihm dennoch unbenommen, einen Vergleich zu ziehen. Bekanntlich wird man ja erst klüger, wenn man vergleicht. Und dann ist ja auch die Frage, ob der Vergleich stichhaltig ist oder nicht.

Die Nazis erfanden Wörter, die offiziell benutzt werden mussten, zum Beispiel in Universitäten, Zeitungen oder auf Ämtern. Die Genderisten – Leute, die oft an den Schalthebeln der diskursiven Macht sind – erfinden Wörter, die man benutzen muss, wenn man zum Beispiel studiert. Und weil die Deutschen so sind, wie sie sind, machen viele mit, weil man feige ist. Fazit: Der Vergleich ist schlüssig.

Kommunisten wollten die Welt mit Worten zu einem besseren Ort machen. Antifaschistischer Schutzwall, Bodenreform oder auch Schwangerschaftzunterbrechung, die Begriffe sollten die Welt verändern. Allerdings war der Schutzwall eher eine Gefängnismauer, die Bodenreform die Enteignung von Bauern, die gerade Land erhalten hatten und die Schwangerschaftsunterbrechung fand keine Fortsetzung. Angeblich wären die Worte aus dem Volke gekommen. Das stimmte nicht.

Von Sprachentwicklung konnte dabei nicht die Rede sein. Die Sprache wurde vorgeschrieben. Das kommt einem bekannt vor. Die Gendersprache kennt ebenfalls Worte, die die Welt verbessern. Und begründet werden sie mit einer vorgeblichen Sprachentwicklung. Fazit: Auch hier gibt es Parallelen.

Genderisten behaupten, Gendern helfe andere zu inkludieren. Die Absichten sind also hehre. Doch wer will bestreiten, dass die Nazis und die Kommunisten ebenfalls aus ihrer Sicht edle Absichten hatten? Sie dünkten sich moralisch auf der richtigen Seite so wie die Genderisten. Hallervorden hat also zumindest nicht ganz unrecht mit dem Vergleich. Das dies dem linken Tagesspiegel nicht passt, steht auf einem anderen Blatt.

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Ist die Identitätspolitik ein Parasit?

Wir Weißen sind schuldig. So meinte jüngst ein Freund zu mir. Ich fand diese Äußerung merkwürdig. Ich habe eigentlich nichts verbrochen, wenn es nach dem Gesetz geht. Aber er meint vermutlich diese existenzielle Schuld, eine Form der Schuld, die man sich schon allein dadurch einfängt, dass man geboren wurde. Mir stellt sich allerdings die Frage: Ginge es anderen besser, wenn es mir schlechter ginge? Vermutlich nicht. Und dann wäre es auch interessant zu wissen, warum man sich nicht freuen darf, dass es einem besser geht als anderen? Soll man sich deswegen grämen? Sicher, es wäre schön, wenn die Welt perfekt wäre. Aber das es nicht so ist, macht mich nicht sonderlich betroffen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein böser Mensch bin oder einfach immun.

Der Begriff Immunität beschäftigt mich übrigens schon länger. Genau wie der Begriff soziale Krankheit. Und ist das Schuldgefühl nicht wie eine Krankheit, die den Menschen befällt? Das würde auch erklären, warum diejenigen die von dieser großen Schuld reden, dieses Schuldgefühl ständig verbreiten wollen. Sie sind sozusagen die Schuld-Superspreader.

Wenn aber das Schuldgefühl eine Krankheit ist, dann ist der Krankheitserreger vermutlich schon lange in unserem System. Er muss nur aktiviert werden. Wie ist das zu verstehen? Ich stelle mir das so vor: Die Christen haben jahrhundertelang Schuld kultiviert. Doch der Glaube ging verloren. Obwohl diese Christen ohne Gott keine Schuld mehr fühlen sollten, so bleibt dieses überindividuelle Schuldgefühl, das nun eine andere Begründung braucht. Und da kommt einiges in Frage. Wenn es nicht der Kolonialismus ist, dann die Geschlechterungerechtigkeit oder vielleicht die ungleiche Verteilung von Schönheit.

Die Identitätspolitik ist so gesehen ein Dienstleister für eine postchristliche Gesellschaft, die vergessen hat, woher ihre Schuldgefühle ursprünglich kommen. Sie macht diese wieder anschlussfähig und erklärlich. Man könnte auch sagen: Die Identitätspolitik ist der Parasit einer Schuldkultur, indem sie die Schuldkultur nutzt, um sich einzunisten. Doch Parasiten geht es manchmal so: Sie töten den Wirt und müssen dann selber sterben. Daher sollte man es besser nicht übertreiben.

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Schwanengesang

Der Ausdruck Schwanengesang stammt aus der Mythologie. Schwäne würden kurz vor ihrem Tode noch einmal einen wunderschönen Gesang anstimmen und dann sterben. Wunderschön ist das Lied der westlichen Gesellschaft kurz vor ihrem Ende allerdings nicht. Dafür jedoch sehr laut die Klage, wie schlecht alles sei, nämlich rassistisch, frauenfeindlich und verflucht mit einem schändlichen historischen Erbe, wie man wieder in der FAZ lesen konnte. Zumindest die Niederlande scheinen auf Seite drei untröstlich wegen ihrer Vergangenheit zu sein. Aber sie sind da nicht alleine. Alles schlimm und verderbt und voller Schuld, wenn man es genauer betrachtet. Dabei waren wir noch vor kurzem so stolz auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Aber die Geschichte holt uns mal wieder ein, vor allem die Kolonialgeschichte, so wie ein Porsche den Trabi.  

Doch wozu dieses Getöne? Die Vorherrschaft der Weißen ist schon lange gebrochen. Die Chinesen geben den Ton an, auch in Afrika. Die Kolonien sind perdu. Und Rassismus mag es geben. Aber die Eliten – und auf die kommt es an – beglaubigen ihren verkrampften Antirassismus jeden Tag durch wohlfeile Worte. „Seht her, ich bin ein Antirassist!“, rufen Sie jedem zu, der es nicht hören möchte. Woher aber dann das Bedürfnis, sich und die Vergangenheit im denkbar schlechtesten Licht darzustellen und sich als geläutert zu geben?

Vielleicht möchte man auf der Seite der Sieger sein, auf der Seite derjenigen, denen die Zukunft gehört. Denn der alte weiße Mann, aber auch die alte weiße Frau werden es nicht sein. Schon heute möchte man fragen, wie es wohl kam, dass weiße Engländer, Franzosen oder auch Deutsche die Welt erobern konnten. Denn es waren wohl kaum dieselben, die vor Jahren oft auch brutal die Welt erobert haben. Heute ist man eher defensiv unterwegs. Es geht vermutlich nur noch darum, noch ein wenig die schwindende Substanz zu genießen und die Ängste vor der Zukunft auszublenden.

Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt, ist vielleicht das präventive Anbiedern an die vermeintlichen Sieger der Geschichte, den woken Intellektuellen. Und der macht das Überlebte gerne größer als es ist. Allerdings ist der Sieg über alte weiße Loser jetzt nicht sehr beeindruckend.

Und die Inkriminierten? Die schweigen zu den Fabelgeschichten vom antirassistischen Kampf in Deutschland. Unter Umständen kompensieren sie so ihren Bedeutungsverlust durch die Fantasie, man lebe tatsächlich in einem postkolonialen, rassistischen und frauenfeindlichen System und sei noch irgendwie Herr über irgendwas. Anders gesagt: Ist es nicht schmeichelhaft, wenn man für einen Teufel gehalten wird, wo man eigentlich nur noch in Angst vor dem lebt, was da kommt? Die Identitätspolitik macht uns das letzte Mal zu den Herren der Geschichte, die wir schon lange nicht mehr sind. So gesehen, ist die Identitätspolitik sehr schmeichelhaft. Auch für alte weiße Männer wie mich. Man fühlt sich irgendwie noch ernstgenommen.   

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Ist Transgender normal?

Ist Transgender normal?

Ist normal alles, was sich dafür hält? Wie hätte man noch vor 25 Jahren geantwortet? Vermutlich so:

Zum einen ist Normalität eine Frage der Zahl. Wenn 99,9 % der Wohnbevölkerung Männer und Frauen sind, dann ist das die Norm. Wenn man nicht dazu gehört, dann handelt es sich um eine Abweichung. So wie ja auch sechs Finger an der Hand eine Abweichung sind. Oder eben Transgender.

Dann ist da die Biologie. Sie lehrt, dass Sexualität – also die Tatsache, dass weibliche und männliche Zellen verschmelzen – evolutionäre Vorteile bietet. Sie ist also der Weg, den die Verbreitung der Art bei hochentwickelten Tieren beschreitet. Normal ist es daher, entweder eine weibliche oder männliche Keimzelle zu produzieren.

Zur Frage der Normalität gehört sicher auch ein kulturelles Erbe, in dem Männer und Frauen Platz hatten. Ihre Rolle war übrigens auch durch Religion gerechtfertigt. Denn wie sonst ist die Geschichte von Adam und Eva zu verstehen? Es geht darum zu erklären, warum es Männer und Frauen gibt und was sie so machen. Von Transsexuellen ist da nicht die Rede.

Schließlich gibt es noch ein untrügliches Zeichen von Normalität. Sie ist die Konvention, die nicht hinterfragt werden muss. So wird niemanden eine Frau fragen, wie es kommt, dass sie eine Frau sei. Allerdings tun sich viele Fragen auf, wenn Claudia plötzlich Claus heißt.  

Damit es keine Missverständnisse gibt. Natürlich haben Transgender-Personen ihren Platz in der Gesellschaft. Denn so wie der Begriff Normalität ohne den Begriff Abweichung keinen Sinn ergäbe, so wird das Konzept Mann und Frau erst richtig deutlich, wenn man sich mit Transsexuellen beschäftigt. Man versteht eben die selbstverständigen Dinge nur dann, wenn sie plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind, wenn sie bei der Betrachtung der Abweichung erst in ihrer Bedeutung erkannt werden.

Doch die wirklich interessante Frage lautet: Wie wird nun aus Abweichung Normalität? Eine mögliche Variante: Wenn es viele Transsexuelle gibt, dann würde man der Norm etwas näher gekommen. Immerhin schreibt die Zeitschrift„Emma“ dazu: „Vor 30 Jahren gab es 3.000 Transsexuelle in Deutschland, heute sind es 24.000.“ Tendenz steigend, muss man hinzufügen. Wenn es weiter so läuft, dann sind in spätestens 1000 Jahren die Transsexuellen die Mehrheit. Und ja, Ideen haben die Eigenschaft, sich in Köpfen festzusetzen und sich zu Handlungen auszuwachsen, wie man sieht.

Eine andere Variante wäre, den Begriff Normalität aufzulösen und als Begriff untauglich zu machen. Das ist die postmoderne Idee von Machtgewinn, indem man Begriffe dekonstruiert. Auch da sind wir auf einem guten Weg.

Und dann kann man ja auch die Geschlechteridee grundsätzlich in Frage stellen. Denn wenn es über 70 Geschlechter gibt, dann sind Mann und Frau ja nur eine Variante von vielen.

Schließlich kann man noch die kulturellen und religiösen Konventionen hinterfragen. In Zeiten der ständigen Veränderungen zerbröseln sie in der Tat wie alter trockener Marmorkuchen. Auch da ist man schon sehr weit.

Wenn alles nichts hilft, dann hilft die Frage: Wer will schon normal sein? Normal zu sein, das ist einfach das Letzte. Insofern ist der Wunsch nach Unnormalität das neue Normal.

Bekanntermaßen gibt es keine Wahrheit. Es ist alles nur eine Frage von Medienarbeit, Erziehungspolitik und Macht. Wenn man hier ansetzt, dann kann man den Leuten auch vermitteln, dass sich die Erde um die Sonne dreht. In dem Sinne wäre normal, das, was als normal in der Gesellschaft durchsetzt wird. Transgender gehört wohl die Zukunft. Und je nachdem wie es passt, wird es uns als Normalität oder schöne Abweichung verkauft. Wir müssen es nur noch alle daran glauben.

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Von nützlichen und weniger nützlichen Geschichten

Narrative, das Wort ist in aller Munde. Doch was sind Narrative genau? Im Grunde Mega-Erzählungen, die Sinn stiften und eine Gesellschaft zusammenhalten. Solche Narrative wären die Aufklärung, der Nationalstaat, das Christentum und so weiter. Heutzutage werden die Geschichten gleichzeitig erzählt. Daher wird´s manchmal ein bisschen schwierig, die Erzählstränge auseinanderzuhalten.  

Eine angeblich neue Geschichte, die man nun häufiger hört und die ziemlich laut daherkommt, nennt sich Identitätspolitik. Das Script geht ungefähr so: Es gibt Gruppen, die werden unterdrückt. Und dann gibt es Gruppen, die unterdrücken. Aus der Gruppe kommt man nicht heraus. Und die Unterdrückung ist systematisch. Und wenn man Glück oder vielmehr Pech hat, dann gehört man gleichzeitig verschiedenen Opfergruppen an. Und weil ja – Achtung Strukturalismus – zum Opfer immer auch der der Täter gehört, braucht man einen Buhmann, der für alles verantwortlich ist. Hier kommt die Kunstfigur des alten weißen Mannes ins Spiel.

Was macht so eine langweilige Geschichte für viele so interessant? Aber viel wichtiger, was bringt diese Story an Erkenntnisgewinn? Bei der Aufklärung weiß man es. Sie war in vielerlei Hinsicht befreiend. Und führte sogar dazu, dass man am Ende über die Aufklärung selbst aufgeklärt wurde. Auch beim Nationalstaat ist heute klar, dass Demokratie und Sozialstaat ohne ihn nicht denkbar wären. Immerhin zwei nice things to have. Auch beim Christentum wollen wir jetzt mal einräumen, dass es seine guten Seiten hat und hatte. Immerhin hat das schlechte Gewissen, dass man im Christentum verbreitete, die Herrschenden zivilisiert. Der Mensch wurde sozusagen verfeinert.

Und was ist jetzt mit der Identitätspolitik? Leider ist die Mär ohne viel Mehrwert, wenn man sie unter den Gesichtspunkten liest, die normalerweise eine gute Geschichte ausmachen. Ist sie lehrreich? Eigentlich nicht. Denn das es Gruppen gibt, wussten wir schon. Ist sie konstruktiv? Auch nicht, denn sie sorgt für ständigen Ärger und viel Wut, und zwar in jeder Gruppe, weil man ja laut Identitätspolitik immer unterdrückt wird, und zwar selbst dann, wenn man es gar nicht merkt. Wäre sie dann wenigstens originell? Kaum. Denn dass der Einzelne in der Gruppe aufgeht und seine Identität aus der Gruppe bezieht, dies ist keine Novelle. Ich vermute so etwas erzählte man sich schon vor 10.000 Jahren am Lagerfeuer.

Allerdings ist die Geschichte dennoch populär. Immerhin gibt es Helden und Bösewichte, ganz so wie bei jedem guten Hollywood Film. Doch leider ist sie so verlogen und kitschig wie Vom Winde verweht. Und sie entkommt dem Bestätigungsfehler nicht. Der besteht darin, dass man seine Informationen so auswählt, dass man seine Meinung immer bestätigt sieht. Schlimmer noch: Dem Identitätspolitiker ist alles Identitätspolitik. Das nennt man auch totalitäres Denken.

Sollte man sich da nicht lieber etwas erzählen, das die Menschen zusammenbringt? Nun, dass sich Geschichten durchsetzen, das hat nicht immer mit ihrem Nutzen zu schaffen. Denn in der Hinsicht hat die Identitätspolitik nicht viel zu bieten. Oder sagen wir: Nur etwas für interessierte Kreise. Aber das heißt nicht, dass sich die Geschichte verbreitet wie das Corona-Virus. Denn unnütze und gefährliche Narrative waren schon öfter sehr populär, zum Beispiel Antisemitismus, Verschwörungsmythen oder Hexenglauben. Solange man nicht weiß, warum die Menschen überhaupt dem Irrglauben verfallen, und solange man kein Mittel gegen einseitiges Denken hat, solange werden solche Geschichten geglaubt. Insofern hat die Identitätspolitik noch eine gewisse Zukunft vor sich.

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Wessen Spiel wird gespielt?

Beim Mensch-ärgere-dich der Identitätspolitik sieht ungefähr so aus: Es geht immer um Macht, die gehört den Weißen. Das muss sich ändern. Die Macht muss nun den Schwarzen oder Frauen gehören, wobei nicht klar ist, wer überhaupt eine Frau oder ein Schwarzer ist. Immerhin ist ja alles eine Frage der sozialen Konstruktion. Das macht das Spiel auch eher undurchschaubar. Die Spielregeln lauten im Übrigen: Wer das anerkennt, darf mitspielen. Wer dem widerspricht, der muss sich anhören, dass er als privilegierter Weißer vom Brett gefegt gehört. Und wenn man nach Gründen für diese kruden Spieltheorie fragt, dann heißt es oft, es gebe Regeln, die seien nur für Weiße gemacht. Zum Beispiel die Mathematik. Damit sei jetzt Schluss.

Das ist so offensichtlich Blödsinn, dass man sich fragt, warum erkennen so viele diese Prämissen an. Und warum wehren sich so wenige? Sicher hat es viel mit einem diffusen Schuldgefühl zu tun. Schuldig fühlen sich Leute, die tatsächlich meinen, es läge in ihrer Verantwortung, dass die Welt so ist, wie sie ist. Wenn man so will, ist das eine Form von Hochmut-Falle. Denn die Anschuldigung ist ja auch irgendwie schmeichelhaft. Doch in Wahrheit haben wir leider wenig Einfluss auf die Dinge.

Und dann geht man ja mit sogenannten Opfergruppen heute ganz anders um, weil man es besser machen möchte. Das ist auch so eine Falle. Während die Schwarzen früher nichts richtig machen konnten, können sie heute nichts falsch machen. Denn was sie tun, tun sie im Gegensatz zu den Weißen, weil sie es tun müssen. Sie sind für nichts verantwortlich. Und das ist dann die Inverse-Rassismus-Falle.

Und schließlich ist es so, dass man oft demjenigen glaubt, der eine Geschichte immer wieder und mit großer Überzeugung vorträgt. Da man die Identitätspolitik in den Unis, den Medien und oft im privaten Bereich immer wieder serviert bekommt, glaubt man irgendwann, dass das stimmen müsse. Das nennt man im Übrigen Propaganda.

Läuft es also bestens für die Schwarzen und Frauen, nun wo sich ihre traurige Geschichte in den Köpfen festgesetzt hat? Wahrscheinlich nicht. Wenn man dieses Spiel nämlich zu Ende spielt, dann können die sogenannten Opfer nicht gewinnen, und zwar nicht, weil sie immer Opfer sind, sondern weil sie mit dieser These ja niemals rauskommen aus dem Feld, das links oben im Spielfeld liegt. Da kann man noch so oft würfeln.

Denn ein Opfer-Abo macht ja was mit einem. Sobald man als Quotenfrau irgendwo ankommt, dann bleibt man doch eine Quotenfrau. Ein Schwarzer, dem man es leichter machen möchte, wird unter seinem Möglichkeiten bleiben. Doch die weißen und gelben Jungs müssen sich nun doppelt anstrengen, wenn sie was werden wollen. Verachtete mussten immer schon härter kämpfen, wenn sie irgendwo hinwollten. Wenn das Spiel auf diese Art und Weise gespielt wird, wird sich nur scheinbar etwas ändern. Aber vielleicht ist das ja auch der Sinn der Sache.

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Kartoffelsalat

Ein Geusenwort, das ist ein Wort, das beleidigen soll, aber in eine Ehrenbezeichnung verwandelt worden ist. So geschehen in Holland vor 400 Jahren. Kann das auch in Deutschland gelingen? Wollen wir es einmal mit Poesie versuchen.

Ich bin Kartoffel

Du nennst mich nach der edlen Knolle, die nahrhaft ist und anspruchslos.

Sie wächst auf heimisch-deutscher Scholle, gedeiht in Mutter Erde Schoß.

Im Rohen bitte nicht verzehren, gekocht, ein wahres Wunderstück.

Gezüchtet, um uns zu ernähren, auf jedem Teller wahres Glück.

Auch im Salat nicht zu verachten, gern lobt man den Kartoffelbrei

Was Köche sich da je erdachten, das ist nun wahre Dichterei

Wie könnt ich also bitter klagen, da die Kartoffel uns so nährt?

Im Gegenteil, so muss ich sagen: dein Wort, es hat mich hochgeehrt.

Christian Kümpel

Aufrüsten und Nachrüsten

Schwarzbrot, Schwarzwald, Schwarzgeld oder auch Schwarzhandel; sind das alles Begriffe, die bald abgeschafft werden? Vermutlich. Wird das was ändern? Wohl kaum. Zumindest solange man hell und dunkel wahrnimmt. Man wird andere Wörter finden, die den Sachverhalt ausdrücken. Das gilt auch im Bereich der Geisteskrankheiten. Wer weiß noch, dass der Begriff „behindert“ eingeführt wurde, um einen Begriff wie „debil“ zu vermeiden, auch dies schon ein beschönigender Begriff, um nicht „Schwachkopf“ zu sagen. Schon bald wird man aber auch nicht „behindert“ sagen können, ohne dass viele daran Anstoß nehmen. Dann wird vermutlich das Wort „geistig eingeschränkt“ ein paar Jahre als politisch korrekt bezeichnet werden. Man könnte, wenn man weit in die Zukunft blickt, irgendwann auch solche Termini wie „mental andersartig“ oder „geistig alternativ“ benutzen. Ändern tut das nichts. Warum aber wird dann ständig an Begriffen herumgedoktert?

Ein Grund- und natürlich nicht der einzige – ist der Versuch, Dinge zu verschleiern. „Entlassen“, so etwas macht man heute nicht mehr. Vielmehr setzt man Mitarbeiter frei. Und Freiheit, das ist doch was Schönes. Sprache soll also nicht nur zeigen, sondern auch verbergen und entlasten.  Martin Walser meint jedoch: „Auch wer Sprache zum Verbergen benutzen will, verrät, was er verbergen will.“ Was verborgen werden soll, das sind die Dinge des Lebens, mit denen wir nicht gerne umgehen wollen. Und wie es aussieht, fällt es uns schwer zu Kenntnis zu nehmen, dass manche Menschen in der Tat einen Kopf haben, der nicht so gut arbeitet, als schwach ist. Dies sprachlich zu verschleiern, gelingt nicht gut.

Wenn wir um die Vergeblichkeit der Sprachänderungen wissen, wird sich dann etwas ändern? Sicher nicht. Das liegt auch daran, dass sich Begriffe Münzen gleich abnutzen. Münzen gehen durch viele Hände und verlieren ihre Prägung. Begriffe, die ständig benutzt werden, sind öde. Das gilt auch für Beleidigungen. Und so ist Idiot ein Wort, das kaum noch jemand benutzt. Es ist schwach geworden. Behindert ist viel „besser“. Da gilt es, wie unter feindlichen Mächten ständig auf- und nachzurüsten, damit das Wort originell und wirksam bleibt. Und die Wortfindungsmaschine des politisch korrekten Wortschatzes wird deshalb zur Goldmine für alle, die gerne mal austeilen und nach neuen Wörtern suchen. Roma, Migrant oder auch POC, sind das die neuen Beleidigungen? Es sind in jedem Fall Wörter, die gut gemeint sind, aber in Zukunft in bestimmter Absicht verwendet werden dürften, und zwar ohne, dass man sie als beleidigend identifizieren kann. Denn bis auf Weiteres gelten sie als korrekt. Und so arbeiten die „Guten“ den „Bösen“ in die Hände. Aber auch das war wohl immer schon so.

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Warum man mit dem Gendern aufhören sollte

Man kennt ihn eher als Verleger von Musikbüchern. Doch nun hat sich Fabian Payr dem Thema Gendern gewidmet. In dem Buch „Von Menschen und Mensch*innen“ erklärt er, warum man die Finger davon lassen sollte. Die Argumente in dem Werk sind Legion. Doch ein paar Fehlannahmen der Genderisten sollen dennoch angesprochen werden. Wenn man von Lehrern spricht, dann meinte man Frauen immer mit. Sie gingen sozusagen in dem Begriff auf, während Männer im schon im Begriff enthalten sind. Diese Behauptung ist falsch.

Richtig ist vielmehr, dass umgekehrt Männer in der Grammatik mitgemeint werden. So ist der Lehrer ein Mann oder eine Frau. Aber eine Lehrerin ist immer eine Frau. Es ist auch nicht wahr, dass man bei dem Wort Lehrer nur an Männer denkt. „Ich gehe zum Arzt!“. Stimmt es, dass jeder davon ausgeht, der Arzt, zum welchem man geht, wäre ein Mann? Natürlich nicht! Hier geht es nur um die Information, dass man zu einer Person geht, die einem ärztlicher Hilfe leisten kann. Das Geschlecht spielt keine Rolle. Das liegt daran, dass Lehrer, Hörer oder Denker unmarkierte Begriffe sind, die erst durch Endungen markiert werden. Wenn man also zu einem Mann möchte, dann muss man sagen: Ich gehe zu einem männlichen Arzt.

Ein anderer Mythos: Eine gendergerechte Sprache änderte die gesellschaftlichen Verhältnisse. Im Türkischen gibt es keine Genera, als keine grammatischen Geschlechter. Spiegelt das das Geschlechterverhältnis in der Türkei wider? Was man so hört, eher nicht. Würde es im Übrigen etwas ändern, wenn man arme Leute als reich bezeichnete? Anscheinend handelt es sich bei Gendern um Sprachmagie. Und die ist so wirksam wie jede Zauberei. Schließlich wird behauptet, es mache keinen Unterschied, ob man Studierender schreibt oder Student. Doch was ist mit ehemaligen Studierenden?  Man kann nicht gerade studieren und damit aufgehört haben. Es gibt auch keinen gekündigten Mietenden. Denn ohne Wohnung ist man vielleicht ein gekündigter Mieter. Aber das Mieten ist eben vorbei. Und überhaupt: Ein Trinkender ist eben noch lange kein Trinker.

Wer sich im Kulturkampf nach Argumenten sucht, um dort zu bestehen, der ist mit dem Werk bestens bedient, übrigens auch wenn man eher links verortet ist. Denn wer gendert sorgt dafür, dass Migranten und bildungsschwache Personen, die es schon schwer genug haben, die Schriftsprache zu verstehen, es noch schwerer haben und die Kernaussagen eines Satzes nicht mehr verstehen. Denn wie wäre folgender Satz ohne Sicherheit in der Sprache zu entziffern? „Ein Hausarzt bzw. eine Hausärztin ist ein(e) niedergelassene(r) freiberufliche(r) Arzt oder Ärztin, die oder der für den Patienten oder die Patientinnen meist die erste Anlaufstelle ist.

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