Identitätspolitik von rechts

Identitätspolitik von rechts

In einer Welt, in der Institutionen zerbröseln wie Sandburgen während der Flut und in der man das Gefühl hat, dass nichts Bestand hat, ist Identitätspolitik von rechts für manchen attraktiv. Allerdings nicht zwangsläufig zielführend. Ich räume jederzeit ein, dass die rechte Kritik am Liberalismus, zum Beispiel die von Carl Schmitt, beachtlich ist. Allerdings darf man auch fragen, was denn die Inhalte der rechten Identitätspolitik sind. Und da wird es seltsam. Man will zurück zum Eigenen. Und man raunt von dem Unverrückbaren, Ewigen und Heiligen. Schließlich wird auch gerne die Ethnie und Kultur überhöht, ohne dass genau klar wird, womit man den Ausnahmestatus rechtfertigen könnte.

Das, was als das Eigene bezeichnet wird, ist, wenn man genauer hinschaut, eher das, was auf uns gekommen ist. Es ist nichts Göttliches und sicher nichts Ewiges. Das scheint nur so, wenn man in einer kalten Kultur lebt, so wie sie von Claude Lévy-Strauss beschrieben wird. Vielmehr ist ja die Grunderfahrung der Moderne, dass jede Kultur historisch und als solche vergänglich ist. Wer sich da blind stellt, der kommt bald zu so merkwürdigen Ansichten wie, dass Herrmann der Cherusker so eine Art kultureller Urgroßvater wäre und ein Vermächtnis für uns hätte.  

Wenn man sich allein anschaut, wie sich Mentalitäten in diesem Land in den letzten Jahrzehnten verändert haben, kann niemand wirklich behaupten, dass das Deutsche etwas Unveränderliches wäre. Überhaupt, was unsere heutige Kultur ausmacht: Sie ist eben dynamisch. Und das hat ja auch seine guten Seiten. Genau so wenig wie ein Schwarzer gefangen wäre in seinem Schwarzsein sind Deutsche für alle Zeiten Festgelegte. Sie sind, wer würde das bestreiten, auch nicht mehr dieselben wie vor 80 Jahren.

Dass man gerne unter seinesgleichen ist, ist menschlich. Doch zu behaupten, die eigene Gruppe wäre in irgendeiner Form besser und auf alle Zeiten festgelegt, widerspricht jeder Evidenz. Und überhaupt, kann man nicht ein Deutscher sein und gleichzeitig chinesische Vorfahren haben? Und in welcher Hinsicht sollten Deutsche besser sein als Schweden oder Franzosen? Als Autobauer? Ernsthaft?

Zu erkennen, dass nichts unverfügbar ist und man nicht zu einer auserwählten Gruppe gehört, mag schmerzen. Der Schmerz, das nichts bleibt und alles vergeht, ist ebenfalls nicht schön. Doch genau so wenig wie es Indianern hilft, in einem Reservat zu leben und so zu tun, als ob Christopher Columbus an Amerika vorbeigesegelt wäre, wird es uns helfen, etwas zu beschwören, das es so nie gab und nie mehr geben wird. Schlimmer noch. So ein Denken macht uns zukunftsunfähig. Und genau das hat die rechte Identitätspolitik mit der linken gemein. Sie verhindert, dass man über eine offene Zukunft nachdenkt, weil linke und rechte Identitätspolitik davon ausgeht, dass alles so bleibt wie immer: Ein Leben als gruppenbezogener Kampf.

Christian Kümpel

Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay

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