Wir othern, also sind wir

Wir othern, also sind wir

Othering ist ein Wort, das im Kontext der Identitätspolitik häufig vorkommt. Im Wesentlichen geht es dabei um Identität, die gewisse Voraussetzungen hat, nämlich das Andere. Ohne den Anderen erfahre ich mich nicht als Selbst. Anders gesagt: Der Eine macht den Anderen. Soweit, so banal. Beim Othering wird nun leider der Andere nicht immer so konstruiert, wie man das als humanistisch Gesinnter erhofft. Der russische Bauer wird zum Kulaken, damit man ihn ins Gulag schicken kann. Der Jude wird zum Rassenfeind, den man umbringen darf. Der Schwarze zum Minderbegabten, über den zu herrschen man die Pflicht hat. Der Mechanismus des Otherings liegt unter anderem darin, dass er das Selbst und die eigene Gruppe aufwertet. Der andere wird dabei oft abgewertet. Das ist schlecht.

Kann man nun nicht auch den Anderen anders konstruieren, damit der Andere sich wohlfühlt? Wie wäre es, man machte beispielsweise den Afrikaner zum Daueropfer des weißen Mannes und sich selbst zum bösen Kolonialherren im Geiste? Das wäre in der Tat eine beliebte Spielart der sozialen Konstruktion, die zurzeit sehr en vogue ist. Allerdings wäre dann der andere wieder auf eine andere Rolle festgelegt, die auch irgendwie fragwürdig ist. Denn der reiche Rapper ist ja nicht unbedingt das Opfer meiner postkolonialen Instinkte. Wobei ich in der Story ja irgendwie als weißer Herrscher auch geothert worden bin, allerdings von anderer Seite und auch nicht zu meiner vollsten Zufriedenheit. Wenn es überhaupt nicht wünschenswert ist, dass der Andere darüber befindet, wie man sich selbst zu sehen hat, dann dürfte keiner den anderen othern. Auch nicht unter umgekehrten Vorzeichen. Ist das möglich?

Dass wir immer irgendwie den anderen othern, ist kaum zu vermeiden. Denn wie will man leben, ohne durch Fremdzuschreibung sich selbst zu erfahren? Und wer sagt, wie der andere wirklich ist? Wenn man aber nichts falsch machen will, dann gibt es eine Möglichkeit, das Problem zu entschärfen, nämlich durch die gute alte Höflichkeit. Sie hält den anderen auf Distanz, ohne ihn zu verletzten. Die eigenen Vorurteile kann man dann behalten, wenn man Wert auf sie legt, indem man im Umgang mit dem Anderen einen distanzierten Umgang pflegt. Um gut miteinander auszukommen und nicht zu offensichtlich zu othern, sollte man also beim Sie bleiben und sich verhalten wie ein Gentleman oder eine Lady. Und schon sieht die Welt für alle ein wenig freundlicher. Ob wir allerdings in Zeiten, in denen jeder ständig vom anderen verlangt, sich zu bekennen, zu so einer befriedenden Distanz in der Lage sind, ist eine andere Frage.   

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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